See You Space Cowboy Kapitel 10 – Noёl-City

16 Juni 2009 at 11:55 (See You Space Cowboy) (, , , , )

Flug gebucht«, sagte die synthetische Stimme am Gateway von Ceres. »Wir wünschen eine angenehme Reise zum Östlichen Interplanetaren Gateway vom Mars«

Das Tor gab den Weiterflug in die vier überdimensionalen Ringe frei. Die Chakotay beschleunigte auf die empfohlene Geschwindigkeit und tauchte in die Ebene des ersten Tores ein. Ein enormer Schub beschleunigte das Schiff und es dauerte nur wenige Sekunden ehe das zweite Tor erreicht war. Jason sah Amys ängstlichen Blick als sie den dritten Ring erreichten und die Chakotay einen weiteren Schub erhielt. Amy krallte sich am Copilotensessel fest. Jason wurde plötzlich klar, dass dies Amys erster Gate-to-Gate-Flug war, den sie bewusst erlebte. Bei ihrem letzten Flug von Europa nach Ganymed, als sie noch eine Unbekannte für Jason war, war Amy in Ohnmacht gefallen. Gerade wollte ihr Jason beruhigende Worte zusprechen, da durchstoß die Chakotay die Ebene des letzten Tores und alles verschwamm vor seinen Augen.

Farben verblassten und Geräusche verschwammen, als hielte man seinen Kopf unter Wasser. Alles umgab eine Unwirklichkeit, beängstigend und doch zugleich wohlwollend, so fremd und doch zugleich bekannt. All diese Gefühle erreichten Amy im Bruchteil einer Sekunde, und sogleich nahmen sie in ihrer Intensität ab, wie auch ihre Wahrnehmung dieser Unwirklichkeit verschwamm. Sie wollte zu Jason blicken, ihn in die Augen sehen. Sie wollte hören, dass all dies normal sei. Doch ihr Gedanke zu dieser Tat schien so weit entfernt zu sein, dass sie selbst nicht glauben konnte, es wäre ihr eigener gewesen. Und plötzlich hörte alles um sie herum auf zu sein. Farblos. Formlos. Zeitlos.

Doch augenblicklich veränderte sich dieses Nichts wieder. Wie ein Spiegelbild im Wasser, das durch die Wellen verzerrt wird, verschwammen auch die langsam wieder deutlicher werdenden Farben und Formen. Als würde sie aus einem Traum erwachen, erreichten sie wieder Geräusche und Gefühle, bis alles wieder seine gewohnte Form erlangte.

Amy blickte Jason an. Seine Augen strahlten eine Art der Geborgenheit aus. Er lächelte, als sei er neu geboren, und tatsächlich schien er ein Mensch zu sein, der aus eben dieser Unwirklichkeit stammte, die sie soeben hinter sich gelassen hatten.

Dann erblickten sie den Mars, wie er majestätisch vor ihnen thronte. So atemberaubend dieser Ausblick auch war, Amy beschäftigte mehr die Reise zu diesem Ort.

»Ein eigenartiges Gefühl«, sagte Amy und wusste, dass dies keine geeignete Beschreibung dessen gewesen war, was sie wirklich gefühlt hatte. Doch wie sollte sie diese Erfahrung auch beschreiben?

»Zuerst schon. Doch je öfter man den Fraktalraum durchquert, desto atemberaubender empfindet man diese Reise«

Amy grübelte. Sie hatte sich nie Gedanken über dieses Wort, »Fraktalraum« gemacht. Man benutzte es wie ein ganz gewöhnliches Wort, um zu beschreiben, wie man augenblicklich von einem Ort des Sonnensystems zum anderen reiste.

»Der Fraktalraum, was hat es damit eigentlich auf sich?«

Jason grinste sie an. »Der Fraktalraum, die größte Entdeckung des frühen zweiundzwanzigsten Jahrhunderts«, begann er, und dabei wurde sein Lächeln immer breiter, »ein Forschungsteam des Physical Institute of Noël-City entdeckte, dass in der Raumzeit neben den drei von uns wahrgenommenen Dimensionen des Raumes auch alle möglichen gebrochenrationalen Dimensionen existieren.«

»Ich verstehe. Es gibt in der Mathematik Objekte, die gebrochenrationale Dimensionen besitzen, man nennt sie Fraktale.«

Das schien auch Jason neu zu sein. »Mit der Entdeckung der gebrochenrationalen Dimensionen der Raumzeit kam bald auch die Erkenntnis, dass man, unter zu Hilfenahme von Gravitonen, die Raumzeit derart krümmen konnte, dass man Energie und Masse im Bruchteil einer Sekunde durch eine gebrochenrationale Dimension schicken kann. Wie eine Art Funkwelle, die zur Kommunikation verschickt wird, kann man den gebrochenrationalen Raum auch als eine Art Frequenz verstehen, die zur Übertragung benötigt wird, damit sich die beiden Gegenseiten verständigen können.«

»Also erzeugen die beiden aktiven Gateways die gleiche gebrochene Dimension, und bilden dadurch eine Art Kanal durch den Subraum?«

Jason staunte über Amys Kombinationsgabe. »Stimmt. Und die Gravitonen verkürzen diesen Kanal, wie eine Art Knotenpunkte verzerren sie die ohnehin schon verschachtelten gebrochenen Dimensionen.«

Nun erblickten sie den Mars in seiner vollen Pracht – das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Solarsystems. Obwohl Jason hier aufgewachsen war beeindruckte ihn der Planet immer wieder. Wie anmutig er wirkte, als ein Farbspiel aus rot, blau und grün.

Jason erinnerte sich zurück an die Zeit als Kind, als er auf dem Weg zur Schule in Phobos-City seinen Blick gen Himmel erhob. Dort thronte der Gesteinsplanet ob Tag, ob Nacht und sein Anblick faszinierte ihn immer wieder aufs Neue. Jason konnte es immer noch nicht glauben, wie wüst und tot der Mars einmal gewesen war. Die Bilder des Kriegsgottes vor seiner Besiedlung sind überall bekannt, doch sowie Jason sich diese Bilder in Erinnerung ruf, konnte er diese nur schwerlich mit dem Planeten in Verbindung bringen, der jetzt vor ihm thronte. Vor der Besiedlung gab es noch keine Meere auf dem Mars, keine Städte, kein Leben. Doch nachdem die ersten Mondkolonien entstanden waren, dauerte es nur wenige Jahre bis auch die erste Marssiedlung entstand. Als der Mars wirtschaftlich ein immer stärkerer Faktor wurde, kamen auch immer mehr Siedler zum Planeten. Als die Technik entwickelt werden konnte, Biotope künstlich zu simulieren, wurde aus der Siedlung bald eine Großstadt. Innerhalb weniger Jahrzehnte konnten aufgrund des wirtschaftlichen Interesses am Mars viele Fortschritte in der Gravitationsphysik und dem künstlichen Erstellens von Biosystemen verzeichnet werden. Mit der Regulierung von Gravitonen konnte das Schwerefeld des Mars dem der Erde angeglichen werden, und Biochemiker fanden ein Verfahren, Meere anzulegen, in denen sich bald Leben entwickelte.

Die Menschheit schaffte das Wunder, dass Jahrhunderte lang für unmöglich galt – den Mars zu einer eigenen Atmosphäre zu verhelfen, und dies innerhalb weniger Jahrzehnte, ein Prozess, der auf der Erde durch die Natur Millionen von Jahren andauerte – und aufgrund des konstanten Gravitationsfelds konnte der Mars seine zweite Atmosphäre halten, nachdem seine natürliche Atmosphäre ins All entwich. Zudem konnte mit der Gravitonentechnik auch die Magmazirkulation im Inneren des Mars reguliert werden, so dass sein natürliches Magnetfeld verstärkt wurde und damit einen guten Schutz gegen regelmäßige Sonnenstürme bot.

Eine weibliche Computerstimme ertönte nun im Cockpit der Chakotay: »Willkommen am Westlichen Interplanetaren Gateway des Mars. Der Mars besitzt einen Äquatordurchmesser von 6800 Kilometer. Die große Halbachse beträgt 1,524 AE. Mars rotiert in 24 Stunden und 37 Minuten um seine Achse. Die Synodische Umlaufzeit beträgt 780 Tage. Die natürliche Fallbeschleunigung liegt bei 3,71 Meter pro Quadratsekunde. Künstliche Fallbeschleunigung ist auf 9,81 Meter pro Quadratsekunde reguliert. Wir wünschen einen guten Aufenthalt.«

»Erklär mir die Situation, warum sind wir so in Eile?«, fragte Amy, während ihre Personalien gelesen wurden.

»Es geht um einen Commander der Sicherheit. Wir wollten ihn bei seiner Abdankparty überraschen, doch er scheint davon Wind bekommen zu haben und will bereits heute die Stadt verlassen. Wer weiß wo es ihn hin verschlägt – wenn er eines der Gates benutzt können wir ihn nicht weiter verfolgen.«

»Aber… wieso interessieren sich Kopfgeldjäger plötzlich für Sicherheitsmänner?«,

»Korrupte Sicherheitsmänner«, korrigierte Jason und beobachtete auf dem Monitor, wie Ians Schiff aus dem Intergate wie aus dem Nichts auftauchte. »Er hat viele Beziehungen und hat uns die letzten Jahre sehr gute Informationen geliefert. Jetzt, wo er in den Ruhestand geht, wollen wir das Letzte aus ihm herauskitzeln, bevor diese kostbare Informationsquelle endgültig für uns versiegt.«

Die Chakotay beschleunigte und Amy sah den Mars immer größer werden.

»Wir wissen von seinen Machenschaften und wir haben Beweise – deshalb haben wir ihn in der Hand. Doch die letzte Information, die wir haben wollen, könnte sein Leben gefährden, er wird sie uns nicht bereitwillig übergeben.«

Die Chakotay vibrierte, als das Schiff in die äußere Atmosphärenschicht des Planeten eintrat. Langsam kamen die kleinen Lichter immer näher, und als der Horizont immer mehr an eine Gerade als an einen Kreisbogen erinnerte, konnten sie die ersten Wolkenkratzer mit bloßem Auge erkennen.

»Computer, in Noёl-City nach einer geeigneten Parkmöglichkeit in der Nähe des Pleiades-Square scannen! Wenn möglich etwas versteckt.«

Der Signalton des Computers ertönte.

Noёl-City wuchs immer schneller unter ihnen. Die Marshauptstadt – und größte Stadt der Menschheit überhaupt – die aus der ersten Marssiedlung entsprungen war, und später nach dem ersten Mensch auf dem Mars, James Noёl, benannt wurde, nahm langsam Form ab. Im Zentrum tummelten sich riesige Wolkenkratzer, von denen Jason wusste, dass sie die drei-Kilometer-Marke erreichten. Doch auch außerhalb des Stadtzentrums, in den Wohngebieten, lebten die Menschen  in riesigen Gebäuden übereinander.

»Ich übermittle Ian die Daten unseres Treffpunkts«, sagte Jason, während die Chakotay die Höhe der Wolkenkratzer erreichte.

Hier herrschte auf den ersten Blick pures Chaos. Tausende kleine Schiffe der Travell-Class flogen kreuz und quer durch die riesigen Wolkenkratzerschluchten. Doch was auf den ersten Blick chaotisch wirkte, nahm auf den zweiten Blick ein System an. Obwohl die unzähligen Schiffe keiner Ordnung und keiner Regel zu folgen schienen, ging alles ohne Kollisionen und ohne Verzögerungen von statten, und während die Chakotay immer mehr an Höhe verlor, passierten sie hunderte von Schiffen, ohne von ihnen Notiz zu nehmen. Je weiter abwärts Jasons Schiff vordrang, desto weniger Travell-Schiffe waren zu erkennen, doch wurde es gleichsam düsterer in den unteren Bereichen der riesigen Schluchten. Etwa einen Kilometer über dem Boden erreichten nur noch wenige Sonnenstrahlen die Chakotay, und die abertausend Menschen, die nun auf den Straßen  Noёl-Citys zu erkennen waren – und wie Ameisen aus dieser Höhe wirkten – waren auf das künstliche Licht der Laternen angewiesen, die die düsteren Schluchten erhellten.

Die Chakotay landete in einer dunklen Seitengasse. Kurze Zeit später traf auch Ians Schiff ein.

»Okay, dann wollen wir mal auf Jagd gehen«, sagte Jason und griff nach seiner Waffe. »Du bleibst hier, bis ich wieder da bin«, sprach er zu Amy, und erhielt den Protest den er erwartet hatte.

»Vergiss es Jason, ich komme mit.«

»Das wirst du nicht«, antwortete Jason bestimmend, »keine Ahnung wie diese Geschichte hier ausgehen wird. Vielleicht wird er aggressiv und es kommt zu einer Schießerei?«

Dieses Argument schien zu überzeugen und ebenso zu beängstigen.

»Dann lass mich wenigstens ins Stadtzentrum gehen, ich werde hier nicht Däumchen drehend sitzen bleiben und warten bis du wieder kommst.«

Jason schüttelte den Kopf. »Viel zu gefährlich. Du weißt doch, dass man hinter dir her ist, wieso geht dir das nicht in deinen Sturschädel?«

»Du übertreibst«, sagte sie gereizt.

»Nein. Deine Naivität lässt dich nur den Ernst der Situation nicht erkennen.«

Amy warf ihm einen giftigen Blick zu. Sie verschränkte die Arme und wandte Jason den Rücken zu. Stille.

»Sei mir doch nicht böse, es ist doch zu deinem Schutz«, argumentierte Jason weiter, doch selbst ihm kamen seine Worte wie abgeleierte Phrasen vor. Amy antwortete nicht weiter.

»Wünsch mir Glück«, sagte Jason und verließ das Cockpit. Amy reagierte nicht auf diese Worte, doch hätte Jason genau das gebrauchen können.

»Wo ist Stewart jetzt«, fragte Jason seinen Kommunikator, als er sich mit Ian am vereinbarten Ort traf.

»Ecke Galilei Street, 24th Avenue«, antwortete Dean.

»Das erreichen wir schnell, wenn wir direkt über den Pleiades-Square laufen«, schlug Ian vor.

»Gut«, stimmte Jason schnell zu. »Wir sollten ihn aber überraschen, damit er nicht auf dumme Ideen kommt.«

So machten sich Jason und Ian auf, nicht ahnend, in welche lebensgefährliche Situation sich beide begeben würden.

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